Organisationen der Gefahrenabwehr werden durch komplexe Einsatzereignisse vor große Herausforderungen gestellt. Diese Einsätze werden als Spontanlagen definiert und treten selten auf. Sie charakterisieren sich unter anderem durch geringe Vorhersehbarkeit, hohe Ungewissheit, Dynamik und eine starke Vernetzung einer Vielzahl beteiligter Akteure. Um sie zu bewältigen, sind eine Besondere Aufbauorganisation (BAO) sowie spezifische Fähigkeiten zur Koordination der Handlungsabläufe bei der Einsatzabwicklung notwendig. Die einsatzentscheidende Koordination der Handlungsabläufe führt zu vielfältigen, netzwerkartigen Kommunikations- und Informationsbeziehungen. Die Koordination von Spontanlagen stellt in der Praxis immer wieder ein Problem dar, das bisher nicht zufriedenstellend gelöst werden konnte. Die Dissertationsschrift nimmt sich dieser Problemstellung an. Ziel der Arbeit ist es somit, die Informations- und Kommunikationsnetzwerke bei Spontanlagen besser zu verstehen und darauf aufbauend Handlungsempfehlungen abzuleiten. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde ein Methodenmix verwendet. Dieser stellt eine qualitative Inhaltsanalyse einer quantitativen Netzwerkanalyse voran. Die verwendeten Datensätze sind reale Einsatzdokumentationen. Es handelt sich somit um Sekundärdaten, die nicht spezifisch für eine Netzwerkanalyse erhoben worden sind. Die große Herausforderung für die qualitative Inhaltsanalyse bestand darin, die vorhandenen Datensätze systematisch auszuwählen, aufzubereiten und auszuwerten. Um der hohen Dynamik der Spontanlagen gerecht zu werden, wurde die Datenaufbereitung im zeitlichen Verlauf auf Basis von Fallstudien vorgenommen. Damit war es möglich, die sich verändernden Informations- und Kommunikationsnetzwerkstrukturen entlang eines Einsatzereignisses in unterschiedlichen Phasen des Einsatzes zu untersuchen. Im Fokus der quantitativen Netzwerkanalyse standen insbesondere Zentralitätswerte, um Einfluss und Expertise der Akteure in den Informations- und Kommunikationsnetzwerken herauszuarbeiten. Die wesentlichen Ergebnisse zeigen interdisziplinäre und sich über den Einsatzverlauf stark verändernde Netzwerkstrukturen. Einfluss und Expertise wechseln von zunächst einem zentralen Akteur bei Einsatzbeginn auf mehrere Akteure im weiteren Einsatzverlauf. Dieser Wechsel von der Routinesituation in die Besondere Aufbauorganisation stellt die kritische Phase der Spontanlage dar. Im Einsatzverlauf entstehen somit dezentrale, inhomogene Informations- und Kommunikationsnetzwerke, in denen sich eine eher standardisierte Kommunikation mit notwendigen, intensiveren Absprachen zwischen den zentralen Akteuren durchmischt. Damit kann der Dynamik der Einsatzsituation zwar besser entsprochen werden, jedoch nehmen unintendierte Folgen von Entscheidungen zu und der Einfluss des einzelnen Akteurs auf die Gesamtsituation ab. Die sehr geringe Dichte der Netzwerke lässt zudem auf einen hohen Selektionszwang bei der Auswahl der Kommunikationspartner sowie auf eine hohe Kommunikationseffizienz schließen. Insgesamt entstehen Informations- und Kommunikationsnetzwerke, die dem hohen Handlungs- und Entscheidungsdruck sowie der Dynamik der Spontanlage gerecht werden. Aus den Erkenntnissen lassen sich Handlungsempfehlungen ableiten, wie etwa die Nutzung gemeinsamer mentaler Modelle, gemeinsame Übungsformate auf Leitungsebene, die vorherige planerische Auseinandersetzung mit dem Wechselprozess von der Routine in die Besondere Aufbauorganisation sowie der Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologie.
Die Arbeit liefert somit Erkenntnisse und Lösungsansätze im Umgang mit der Spontanlage als spezifischem Einsatzereignis. Zudem zeichnet sie sich durch die Verwendung von Sekundärdaten aus mehreren Echteinsätzen für eine Netzwerkanalyse aus. Sie kann als Ansatz genutzt werden, um weitere Fragestellungen zu untersuchen, wie beispielsweise den Einfluss moderner Informations- und Kommunikationstechnologien auf die Kommunikation im Einsatz. Sie soll zudem dazu motivieren, verstärkt Netzwerkanalysen zur Untersuchung von Einsatzereignissen einzusetzen.
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Organisationen der Gefahrenabwehr werden durch komplexe Einsatzereignisse vor große Herausforderungen gestellt. Diese Einsätze werden als Spontanlagen definiert und treten selten auf. Sie charakterisieren sich unter anderem durch geringe Vorhersehbarkeit, hohe Ungewissheit, Dynamik und eine starke Vernetzung einer Vielzahl beteiligter Akteure. Um sie zu bewältigen, sind eine Besondere Aufbauorganisation (BAO) sowie spezifische Fähigkeiten zur Koordination der Handlungsabläufe bei der Einsatzabwi...
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